„Nabelschnurblut – Quelle des Lebens“ – Vortrag von Eliane Gluckman zum Thema Nabelschnurblut

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Die Nabelschnur-Pionierin Eliane Gluckman war zu Gast bei der „ErNeSt“-Vortragsreihe der École Normale Supérieure in Paris, einer der angesehensten Hochschulen Europas. In ihrem Vortrag (in französischer Sprache) geht sie darauf ein, warum die Stammzellen im Nabelschnurblut so wertvoll sind und wie sie medizinisch eingesetzt werden können. Sie erzählt auch von der weltweit ersten von ihr durchgeführten Nabelschnurblut-Transplantation im Jahr 1988.

Die Idee der Konservierung von Nabelschnurblut kam nach dem Atomreaktor-Unfall von Tschernobyl 1986 auf. Es müsse eine Möglichkeit geben, Stammzellen sicher aufzubewahren, so dass sie in einem solchen Fall schnell verfügbar seien. Zu diesem Zeitpunkt war bereits bekannt, dass das Nabelschnurblut Neugeborener eine Vielzahl Stammzellen enthält. Bei der Geburt besteht die einzigartige Gelegenheit, diese Stammzellen zu gewinnen. Erste Untersuchungen hatten gezeigt, dass das Nabelschnurblut sicher eingelagert werden kann und nach dem Auftauen in nahezu der gleichen Qualität wie zum Zeitpunkt der Geburt zur Verfügung steht.

Um nun nachzuweisen, dass die tiefgefrorenen Nabelschnurblut-Stammzellen in der Lage seien, die komplette Blutbildung eines Menschen wieder aufzubauen, wurde eine erste Anwendung vorbereitet: Gemeinsam mit dem amerikanischen Wissenschaftler Hal E. Broxmeyerbehandelte Gluckman vor 25 Jahren in Paris erstmals einen US-amerikanischen Jungen mit Fanconi-Anämie mit dem Nabelschnurblut seiner neugeborenen Schwester.

Gluckmann zeigt in ihrer Präsentation erstmals ein Foto des Patienten – 20 Jahre nach der Behandlungzusammen mit seiner Frau und seinem Sohn. Auf einem anderen Bild ist er gemeinsam mit Gluckman und Boxmeyer zu sehen. Mit diesem Fall wurde erstmals gezeigt, dass Immunsystem und Blutbildung nach einer totalen Bestrahlung durch Stammzellen aus dem Nabelschnurblut und der Plazenta komplett wieder hergestellt werden können.

Trotz Kritik nach dieser ersten Behandlung, forschten Gluckman und andere Wissenschaftler weiter. Vor allem die Sicherheit und die Einsatzmöglichkeiten für ethnische Minderheiten sollten vergrößert werden. Dabei entdeckten sie, dass die Stammzellen im Nabelschnurblut durch ihre Jugendlichkeit auch bei kleinen genetischen Abweichungen zwischen Spender und Empfänger gut vertragen werden.

Mit diesem Wissen entwickelten sich die ersten Nabelschnurblutbanken und mit Netcord ein System, das die weltweite Verfügbarkeit der Präparate ermöglicht. 20 Jahre später sind weltweit mehr als 500.000 Nabelschnurblut-Präparate in Banken eingelagert, in Registern erfasst und stehen allen Ärzten für Transplantationen zur Verfügung.

Gluckman fasst den ersten Teil ihres Vortrags mit den Worten zusammen: „Wir haben gezeigt, dass man diese Zellen [aus dem Nabelschnurblut]sowohl für Kinder als auch für Erwachsene einsetzen kann. Wir haben auch gezeigt, dass diese Zellen auch bei nicht kompletter Kompatibilität [zwischen Spender und Empfänger] genutzt werden können. Und die Behandlungsergebnisse sind verglichen mit Stammzellen aus anderen Quellen, wie zum Beispiel dem Knochenmark identisch. Mit anderen Worten: Nabelschnurblut ist zu der bevorzugten Stammzellquelle geworden, es ist das Beste, was man verwenden kann.“

Weiter geht sie auf die verschiedenen Stammzelltypen ein, die im Nabelschnurblut enthalten sind und zeigt, dass sich diese in Muskeln, Nerven, Knochen differenzieren können. Ähnlich wie embryonale Stammzellen seien sie damit für die regenerative Medizin sehr interessant.

In Frankreich selbst, so Gluckann, sei das Thema Nabelschnurblut bislang weitestgehend unbekanntundöffentlichen Nabelschnurblutbanken haben sich hier nicht wie in anderen europäischen Ländern etabliert. Private Banken zur Eigenvorsorge sind in Frankreich nicht zugelassen. Die volkswirtschaftliche Konsequenz ist: Französische Ärzte müssen Transplantate importieren – bei Kosten von rund 25.000 Euro pro Präparat. Dem gegenüber stehen Kosten von nur rund 2.000 Euro für die Einlagerung. Daher, so Gluckman zum Ende ihres Vortrags, sei es dringend geboten, dass Frankreich sich an dieser Stelle entwickelt.

Eliane Gluckmann ist eine weltweit angesehene Hämatologin. Noch im hohen Alter ist sie als emeritierte Professorin an derUniversität Paris-Diderot tätig, sie ist Präsidentin von Eurocord , der European School of Hematology  und der World Marrow Donor Association. Außerdem ist sie aktives Mitglied des Vorstands beim Worldwide Network for Blood &Marrow Transplantation. Sie hat mehr als 600 Artikel veröffentlicht und hohe Auszeichnungen für ihre Arbeiten erhalten.

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